| Geschrieben von Timo Krall,
am 29-01-2010 07:48
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PRESSEMITTEILUNG
Akademie für politisch-institutionelle Konfliktsimulation e.V.
www.Akademie-piKs.de
Dritte Bayreuther Debatte
„Leben wir ohne Religion(en) besser?“
Bayreuth. "Dem Menschen hilft kein Gott - weder hier noch in Haiti!" -
mit provokanten Thesen dieser Art sah sich das Publikum der Dritten
Bayreuther Debatte im Laufe des Debattenabends am vergangenen Mittwoch
häufiger konfrontiert. Hart in der Sache, fair im Ton, aber ohne Tabus
- so wollten die studentischen Veranstalter der Bayreuther Debatten die
zeitgemäße Rolle von Religionen diskutiert sehen. "Natürlich wird nach
diesem Abend der Papst nicht evangelisch werden und auch die Redner
werden nicht in die Kirche eintreten oder von ihrem Glauben abschwören,
aber Sie als Zuschauer haben die einmalige Gelegenheit, sich ein Urteil
über dieses zutiefst persönliche Thema zu bilden!", so fasst
Organisationsleiter Steffen Hahn den Sinn der Veranstaltungsreihe in
seiner Eröffnungsrede. Der Grundstein für eine kontroverse Debatte war
durch die Auswahl der Redner mit redeerfahrenen und TV-bekannten
Persönlichkeiten sowohl auf der Seite der Gläubigen wie auch auf der
Gegenseite der Religionsfreien gelegt: ans Pult traten unter anderem
die ehemalige Bundesministerin Andrea Fischer und der von DER SPIEGEL
zu "Deutschlands Chef-Atheist" ausgerufene Vorstandssprecher der
Giordano-Bruno-Stiftung, Dr. Michael Schmidt-Salomon.
Wie jeder Redner hatte auch "Chef-Atheist" Salomon für die
Eröffnungsrede der Dritten Bayreuther Debatte volle acht Minuten Zeit.
"Du wirst dran glauben - oder: Du wirst dran glauben!", zu oft seien
Menschen im Laufe der Geschichte vor diese Wahl gestellt worden. In
jeder Religion schlummert, so Salomon, die Versuchung zu Dogmatismus
und Intoleranz: was sich weder beweisen noch rational begründen lässt,
das müsse umso fester geglaubt werden.
Die Gegenrede hielt der Erzbischof des Bistums Bamberg, Dr. Schick.
Selbst Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, ließ sich der
Würdenträger nicht auf eine Diskussion darüber ein, ob und wann von
einem religiösen Fundamentalismus eine Gefahr ausgehen könnte. Schick
erinnerte an die Verdienste von Christen, die - so sein Standpunkt - in
den hinter uns liegenden Generationen viel Gutes in die Welt getragen
haben und auch heute noch vielfältig engagiert sind. Motivation zu
uneigennützigem Handeln im Dienst der Gemeinschaft - auch das sei
Glaube.
Auch das, aber nicht nur das ist Glaube - dafür spricht die Geschichte
von Mina Ahadi. Bevor sie aus dem Iran nach Deutschland emigrierte,
musste sie erleben, wie ihre Verwandten für Bagatellen diskriminiert,
ausgepeitscht oder zu Tode gesteinigt wurden. "Ich habe Religion nicht
als Privatsache, sondern als politisches Instrument, als ein gutes
Geschäft kennen gelernt", bringt die Vorsitzende des Zentralrats der
Ex-Muslime ihren Leidensweg mit dem politischen Islam auf den Punkt.
Mit Religion kann sie nichts Positives verbinden, sondern vor allem
Kontrolle und Unterdrückung, bis in die letzten Bereiche der
Privatsphäre und des Alltags hinein.
Der Leiterin des Instituts für interreligiöse Pädagogik und Didaktik,
der Muslima Rabeya Müller, gelang es auch nach dieser tiefpersönlichen
Rede einen rhetorischen Glanzpunkt zu setzen. "Abwesenheit von Religion
bedeutet noch nicht Abwesenheit von Gewalt!", so ihre pointierte Replik
auf Mina Ahadi. Es sei ebenso falsch, den Atheismus für die Verbrechen
des Kommunismus zu beschuldigen, wie das Christentum oder andere
Religionen für die Untaten ihrer Anhänger verantwortlich zu machen.
Religiöse oder a-religiöse Überzeugungen von Privatpersonen sind keine
Bedrohung für unsere Gesellschaft, sondern erst eine Aufgabe der
weltanschaulichen Neutralität des Staates. Insofern irre Ahadi, wenn
sie aus dem politischen Missbrauch von Religion im Iran schließen
sollte, dass Religion an sich eine Gefahr für Freiheit, Leib und Leben
darstelle. Der säkularisierte Staat, so zitiert Rabeya Müller den
ehemaligen Richter des Bundesverfassungsgerichts Ernst-Wolfgang
Böckenförde, geht von Voraussetzungen aus, die der Staat selbst nicht
garantieren kann − erst die von Toleranz und Mitmenschlichkeit
geprägten Werte aller Bürgerinnen und Bürger machen das Leben in einer
modernen Demokratie möglich. Religiosität könne eine Quelle für solche
freiheitlichen Werte sein. Es sei, so das emotionale Schlussappell an
das Publikum, die Aufgabe von uns allen als Gesellschaft - ob gläubig
oder nichtgläubig - diese Werte zu verteidigen. Nicht zuletzt die
Religionsfreiheit müsse im Interesse aller geschützt werden. Die wahre
Trennungslinie verlaufe nicht zwischen Gläubigen und Atheisten, sondern
allzu oft zwischen Männern und Frauen.
Religionsfreiheit − auch für den als "Hamburger Kirchenrebell"
bekannten Dr. Paul Schulz ein hohes Gut. Wenn auch Schulz vor allem die
negative Religionsfreiheit, also die Freiheit eine Religion nicht
ausüben zu müssen, als die herausragende Errungenschaft einer modernen
Demokratie versteht.
Der ehemalige evangelische Theologe und bekennende Atheist Dr. Schulz
trat in einer flammenden Rede für ein "Bayreuther Manifest" ein.
Insgesamt 7 Punkte skizzieren eine säkulare Gesellschaft, getragen von
selbstbestimmten und solidarischen Bürgern. Im Kern sei mit Religion
immer Bevormundung verbunden, erst ein Atheist lebe in eigener
Verantwortung. Religion solle vom Staat getrennt als Privatsache gelebt
werden, so wie durch die UN-Menschenrechtserklärung, das Grundgesetz
und den Lissabonner Vertrag garantiert. Schulz ist überzeugt: "Der
Mensch braucht keinen Papst, keine Kirche, keine Religion, denn es
hilft ihm kein Gott - weder hier noch in Haiti. Der Mensch braucht nur
verantwortungsbewusste Menschen, die mit ihm im Leben und Sterben
solidarisch sind!"
Natürlich blieb auch diese Sicht nicht unkommentiert. In den Worten des
Moderators der Dritten Bayreuther Debatte, dem Präsident des Verbands
der Debattierclubs an Hochschulen, Tim Richter: jede Medaille hat zwei
Seiten. Nachdem Dr. Schmidt-Salomon für die Seite der Religionsfreien
das Privileg der Eröffnungsrede zuteil wurde, konnte die ehemalige
Bundesministerin Andrea Fischer aus ihrer persönlichen
Glaubenserfahrung heraus den Schlusspunkt der Debatte setzen. Sie
sprach aus, was wohl viele Zuhörer dachten − das legt zumindest der
Applaus großer Teile des Publikums nahe. Gott und der Glauben an Gott
können, so ihre Botschaft, für das eigene Leben durchaus eine Stütze
und Befreiung sein.
Die Zuschauer waren im Vorfeld der Veranstaltung eingeladen worden,
jeden der bei der Debatte anwesenden Redner zur Rede zu stellen −
wortstark und mit guten Argumenten kamen einige Gäste dieser
Aufforderung nach. "Sind nicht atheistische Weltanschauungen und der
Nicht-Glaube an Gott genauso willkürlich, genauso unbegründbar wie ein
religiöser Glaube?", "Sie sagten, das Christentum sei unentbehrlich für
das gesellschaftliche Engagement in diesem Land. Sind Sie also der
Meinung, dass Atheisten weniger engagiert sind als Christen?", mit
solchen und anderen Fragen wurde Rednern beider Seiten argumentativ auf
den Zahn gefühlt.
Neben allen Unvereinbarkeiten hat die Veranstaltung auch
Gemeinsamkeiten offen gelegt. Rabeya Müller sprach sich dafür aus,
stärker als bisher Anknüpfungspunkte für gemeinsames Handeln von
Gläubigen und Glaubensfreien für positive Veränderungen zu suchen. Dem
fügte Dr. Schmidt-Salomon hinzu, dass es der Giordano-Bruno-Stiftung
ein großes Anliegen ist, auch liberale Christen und vor allem liberale
Muslime zu unterstützen − der Schutz der Grundwerte unserer Demokratie
vor fundamentalistischem Extremismus sei ein gemeinsames Ziel.
Eine große Überraschung blieb natürlich aus, alle Redner blieben wie
vorhergesagt bei ihrer Meinung. Die Atmosphäre und die Argumente aber
haben das Publikum in den Bann geschlagen. In manchen Momenten konnte
man eine Stecknadel fallen hören - trotz mehr als 600 Zuschauern auf
den Rängen des Audimax. Einzelne Redner blieben noch lange am Podium,
um mit besonders interessierten Gästen in kleiner Runde zu diskutieren.
Selten ist Meinungsstreit so nah erlebbar.
Die Veranstaltungsserie steht unter der Schirmherrschaft von Sabine
Leutheusser-Schnarrenberger MdB, Bundesministerin der Justiz. Mit
Unterstützung von regionalen Förderern werden die Bayreuther Debatten
von Bayreuther Studenten der Akademie für politisch-institutionelle
Konfliktsimulation e.V. veranstaltet. In den vergangenen Debatten im
April und im November 2009 debattierten zu den Themen Integrations- und
Wirtschaftspolitik bereits Redner wie Michel Friedman, Joachim
Herrmann, Klaus Ernst und Gregor Gysi.
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VDCH: Verband der Debattierclubs an Hochschulen e.V., http://vdch.de
IPD Köln: Institut für interreligiöse Pädagogik und Didaktik, http://ipd-koeln.de
GBS: Giordano-Bruno-Stiftung zur Förderung des evolutionären Humanismus, http://giordano-bruno-stiftung.de
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Pressemitteilung zur Dritten Bayreuther Debatte vom 27. Januar 2010.
Ansprechpartner: Timo Krall
Kontakt:
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Letztes Update : 29-01-2010 08:05
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simon lichtenberg
Geschrieben von: simonynk (Gast) am 11-12-2011 20:19